über ‚Zukunft gegen Land‘

Ich lernte Yenli* und ihre Familie 2008 kennen, als ich zum ersten Mal nach Kolumbien kam, um an einer Fotoreportage über die Auswirkungen von Schrimps-Aquakulturen auf die im Delta des Río Sinú ansässigen Kleinbauern zu arbeiten.
Zu Hause in Berlin hatte ich über dieses Phänomen im Internet recherchiert. Es schien mir ein drastisches Beispiel für die Ausbeutung natürlicher Ressourcen für den Export - ohne eine Beteiligung der lokalen Bevölkerung am Gewinn und mit verheerenden Folgen für das Ökosystem Mangrovenwald, der Lebensgrundlage der Kleinbauern und Fischer. Bei meiner Recherche stieß ich auf die Adresse einer NGO aus Loríca, im Departement Córdoba, in der sich Bauern und Fischer unter dem Namen ASPROCIG zusammengeschlossen haben, um ihre Rechte gegenüber kommerziellen Interessen internationaler und kolumbianischer Firmen zu verteidigen.
Sie nahmen die ungewöhnliche Anfrage einer Studentin aus Deutschland, sie bei der Durchführung einer Reportage zu unterstützen, neugierig entgegen und ermöglichten mir, Familien zu besuchen, die auf unterschiedliche Art und Weise von der Problematik betroffen sind. So traf ich Gregorio, einen Fischer aus dem Delta des Río Sinú, der versucht hatte, seine Fanggründe im Mangrovenwald gegenüber den Schrimpsfirmen zu verteidigen; Bauern, deren Reisfelder versalzten; Familie Navaro*, die den Überlebenskampf auf dem Land aufgegeben hatte und Patricio, der sein Land in den neunziger Jahren an eine Schrimpsfarm verkauft hatte und es nun bereute.
Patricio gingen die Fragen über Deutschland und mein Leben nicht aus und er wurde auch nicht müde, meine unzähligen zu beantworten. Aber er war mindestens genauso daran interessiert, was ich über die Menschen in Córdoba in Erfahrung brachte.
Nach den ersten Interviews mit den Mitarbeitern von ASPROCIG wurde mir klar, dass die Schrimpsindustrie nur ein Aspekt unter vielen des politischen Modells industrieller Landwirtschaft darstellt. Im Zuge einer neoliberalen Politik wird es seit Jahrzehnten seitens der kolumbianischen Regierung sowie verschiedenster Interessensgruppen propagiert.
Deshalb begann ich, nicht nur Interviews mit Personen zu führen, die durch die Schrimpsindustrie in große Schwierigkeiten gerieten, sondern auch durch den Bau von Wasserkraftwerken, durch Großagrarindustrie in Form von Monokulturen und die Einführung genmanipulierten Saatguts.
Patrico begleitete mich von nun an auf allen Touren in und um Loríca. Wir fuhren nach Serena* und trafen dort Bauern, die kurz vor der Zwangsräumung ihres Dorfes standen, weil ihre Besitzurkunden für ungültig erklärt wurden; nach Christo Rey, dem jüngten Viertel am Stadtrand von Loríca, wo sich die Neuankömmlinge niederlassen und die Stadt täglich wächst. Hierher waren auch Irena*, Carmen* und Luz* mit ihren Kindern geflohen, nachdem ihre Männer und Brüder auf ihrem Land ermordet wurden. Wir besuchten Jaminson, einen arbeitslosen Fischer, der nach dem Verschwinden des Fiches Bocachico seine Familie nicht mehr ernähren konnte und Bauern der Ciénaga, die sich erstmals gezwungen sahen, auf genmanipuliertes Saatgut umzusteigen und sich dafür zu verschulden.
Besonders aufschlussreich und bewegend waren für mich die Gespräche mit den Mitstreitern von ASPROCIG, die sich so mutig und ausdauernd für ihre Rechte, das Schicksal ihrer Mitmenschen und die Zukunft ihrer Kinder einsetzen. Allen voran Marly und Juan José, die mir die Recherche im Delta ermöglichten und Inés*, die mich in ihre Familie aufnahm. Ich bin dankbar für die Türen, die sie mir nicht nur zu den Bewohnern im Delta, sondern auch zu einem tieferen Verständnis der Welt geöffnet haben.
* Namen geändert

Das erste Kapitel des geschriebenen und gezeichneten Romans ist meine Diplomarbeit bei Frau Prof. Nanne Meyer, Kunsthochschule Berlin Weißensee. Zur Zeit arbeite ich an der Realisierung der noch ausstehenden drei Kapitel des Buches. Hierfür werde ich Anfang 2013 eine tiefergehende Recherche im Rahmen eines DAAD-Stipendiums im Delta Río Sinú durchführen.

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